Um eine Metapher aus dem Buch aufzugreifen, hat die Evolution Michael Schmidt-Salomon in die Kellerbar der Giordano-Bruno-Stiftung gespült, wo er das Glück hatte mit Wissenschaftlern wie dem Evolutionsbiologen und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits und anderen seine Theorien zu diskutieren. Herausgekommen ist ein kluges Buch, welches dem Leser (z. B. mir) hilft, seinen Horizont in vielfältiger Weise zu erweitern.
Michael Schmidt-Salomon macht hier den Versuch eine menschenfreundliche Philosophie jenseits von Gut und Böse zu skizzieren, denn unsere “altbackenen Moralvorstellungen … haben uns”, wie er schreibt, “summa summarum krank, kritikunfähig, selbstsüchtig und dumm gemacht.” Darum bietet er uns nichts weniger an, als das, worum Christen seit Jahrhunderten beten: Die Erlösung von dem Bösen! Er lädt zu einem Perspektivwechsel ein, der zu einer entspannten Weltsicht verhelfen soll, dem jedoch eine kritischen Überprüfung unserer Annahmen über die Welt vorausgehen muss. Als Konsequenz soll sich eine alternative, heiter-gelassenen Lebenseinstellung, eine “neue Leichtigkeit des Seins” einstellen können, die bereits von Albert Einstein ähnlich begründet wurde. Dass heißt allerdings keine Erlösung von allen Übeln, dafür aber eine wahrlich erleuchtete Lebenshaltung, die es uns erlaubt mit den “Widrigkeiten des Lebens etwas vernünftiger, etwas gelassener, etwas humorvoller umzugehen.” Das Buch soll einen winzigen Beitrag zur Entwicklung einer solchen alternativen, lebensbejahenden Bewusstseinskultur leisten”. Mit seinen Ausführungen knüpft Schmidt-Salomon bewusst an Friedrich Nietzsche an (dessen Erinnerung das Buch auch gewidmet ist), der im Abschied vom moralischen Dreigestirn “Schuld – Sühne – Strafe” den Fortschritt aller Fortschritte erblickte. In einer Anmerkung heißt es, dass man vieles, was er hier schreibe, unter dem Stichwort “Nietzsche Reloaded” durchgehen lassen könnte.
Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat aus Kleists Marionettentheater, in dem es heißt, wenn wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen würden, wäre das das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt. Das die Abkehr vom Paradigma von Gut und Böse ein neues Kapitel der Geschichte einläuten würde, dürfte einsichtig sein. Um dahin zu führen wird in der Einleitung gezeigt, dass der Apfel im Mythos vom Sündenfall auf einem Übersetzungsfehler beruht (das lateinische Wort malum kann sowohl als »Apfel«, als auch als »böse« übersetzt werden). Schmidt-Salomon interpretiert den Sündenfall aus psychologischer Sicht, und stellt die Grundaxiome Willensfreiheit und den Gut/Böse-Dualismus in Frage. Dem Beleg dafür und dem Aufzeigen der positiven Konsequenzen ist der erste von zwei Teilen des Buches gewidmet, den er mit “Die neuen Früchte der Erkenntnis” überschreibt.
Im zweiten, mit “Die neue Leichtigkeit des Seins” überschriebenen Teil, wird zunächst ein entspanntes Ich entwickelt, dann für entspannte Beziehungen argumentiert sowie für eine entspannte Gesellschaft und zuletzt “eine frohe Botschaft für nackte Affen” verkündet. Er nennt dies eine Lektion in Bescheidenheit und führt aus: Das sowohl die negative (schuldbeladene) als auch die positive (stolzgeschwängerte) Bilanzierung eigener Leistungen die Möglichkeit individueller Weiterentwicklung hemmt. In seiner Argumentation baut er auf dem Fundament des ersten Teils auf und plädiert statt für moralisch motivierte Schuldgefühle, für die Veränderung und Wiedergutmachung hervorrufende, ethisch motivierte Reue. “Reuegefühle sind ein wichtiger Anstoßgeber für die persönliche Weiterentwicklung, Schuldgefühle hingegen stehen ihr im Wege. … Sie verhindern nicht nur, dass wir akzeptieren, der zu sein, der wir sind, sondern hemmen uns auch darin, der zu werden, der wir sein könnten.” Es werden die Weisheitslehren Buddhas und Epikurs für ein glückliches Leben verglichen, und der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit große Bedeutung beigemessen. “Erst wenn wir anerkennen, dass unser Leben keinen über uns selbst hinausweisenden Sinn hat, kommen wir in den Genuss, über uns selbst hinauszuwachsen, indem wir unserem Leben einen über uns selbst hinausweisenden Sinn geben.”
Die Quintessenz einer west-östlichen Weisheitssynthese ließe sich nach seiner Meinung so formulieren: “Lernen wir, die Übel zu ertragen, die sich nicht abwenden lassen, uns aber keineswegs mit jenen abzufinden, die wir beseitigen können” (erinnert an das sogenannte Gelassenheitsgebet, dem jedoch noch der Wunsch hinzugefügt ist, man möge die Weisheit aufbringen, das eine vom anderen zu unterscheiden).
Im Folgenden erläutert er, warum Kritik als Geschenk anzusehen ist, aber besser angenommen wird, wenn das Paradigma der Unschuld bereits verinnerlicht ist. Dann werden die Ergebnisse der Vergebungsforschung referiert und die Folgen der bisherigen Erkenntnisse für die Rechtsprechung untersucht. Hier geht es dann um die Funktion der Strafe, den Umgang mit dem Täter und der Bedeutung der Prävention. Festgestellt wird, dass “je stärker die Idee der Willensfreiheit etabliert ist, desto eher wird soziale Ungleichheit toleriert und desto drakonischer fallen auch die Strafmaßnahmen des jeweiligen Rechtssystems aus.” In sofern könnte das Paradigma der Unschuld ein wirksames Gegengift gegen die Arroganz der Macht sein.”
Nach Schmidt-Salomon ist es höchste Zeit mit einem moralischen Abrüstungsprozess zu beginnen und er empfiehlt jedem Einzelnen dies als Graswurzelrevolution zu beginnen. Obwohl er es für die friedliche Zukunft unseres Planeten für unumgänglich hält, ist er sich über die Erfolgsaussichten nicht sicher.
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